Schulung der eigenen Wahrnehmung und Urteilskraft

Wie lässt sich feststellen, ob wir in unserem Leben ein Ziel erreicht haben? Wir überprüfen die Zielerreichung und halten uns dabei wenn irgend möglich an objektive Maßstäbe - wir wollen messen. Dagegen ist nichts einzuwenden, sofern sich tatsächlich auch etwas messen lässt: In der Qualitätssicherung wird zum Beispiel mit objektiven Maßstäben wie eingehaltene metrische Maße, Farbechtheit, Sauberkeit oder technischen Anforderungen quantitativ gemessen, ob Vorgaben tatsächlich eingehalten wurden.

Wie ist das aber bei Themen, die mit quantitativen Mitteln nicht oder nicht ausreichend überprüft werden können? Das Betriebsklima zum Beispiel: es lässt sich nicht mit dem Termometer messen oder am Computer berechnen. Um dennoch Aussagen über die Qualität eines Betriebsklimas machen zu können, benötige ich qualitative Kriterien. Die sind nicht so klar und objektiv wie quantitative Maßstäbe - aber sie erlauben ebenso verlässliche und hilfreiche Aussagen. Solche Kriterien können Werte sein wie etwa Offenheit, Gemeinschaft, Solidariät, Ehrlichkeit, Transparenz und Zuverlässigkeit. Auch wenn es keine Meter- oder Celsius-Skala bei diesen Werten gibt, so kann doch eine Verständigung darüber stattfinden, aufgrund welcher Beobachtungen die Mitglieder einer Gruppe ihr Betriebsklima eher schlechter oder eher besser einordnen. Hilfreich ist dazu, wenn sie sich in Reflexionsräumen auf die Werte verständigen, die sie als Kriterien anwenden wollen, und wenn sie sich auf Indikatoren und Erfahrungen einigen, die eine bestimmte Ausprägung von Werten benennbar machen. Auf dieser Grundlage kommen sie zu einer Beurteilung ihres Betriebsklimas, die nachvollziehbar und vertetbar erscheint - auch wenn es keine objektive "Messung" ist. Diese Schulung der ethischen Urteilskraft ist ein wichtiger Effekt von Reflexionsräumen - und die Schulung unserer Urteilskraft erfordert Reflexionsräume.